T I M A I O S
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KRITIAS: So vernimm denn, Sokrates, eine gar seltsame, aber durchaus in der Wahrheit begründete Geschichte, wie einst der weiseste unter den Sieben, Solon, erklärte. Dieser war nämlich, wie er selbst häufig in seinen Gedichten sagt, unserem Urgrossvater Dropides sehr vertraut und befreundet; der aber erzählte wieder unserm Grossvater Kritias, wie der alte Mann wiederum uns zu berichten pflegte, dass gar grosse und bewunderungswürdige Heldentaten unserer Vaterstadt aus früher Vergangenheit
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durch die Zeit und das Dahinsterben der Menschen in Vergessenheit geraten seien, vor allem aber eine, die grösste, durch deren Erzählung wir dir wohl uns auf eine angemessene Weise dankbar zu bezeigen und zugleich die Göttin bei ihrem Feste nach Gebühr und Wahrheit wie durch einen Festgesang zu verherrlichen vermöchten.
SOKRATES: Wohl gesprochen! Welches ist denn aber die Heldentat, von welcher Kritias als von einer nicht bloss in einer Sage erhaltenen, sondern einst von unserer Vaterstadt wirklich, wie Solon vernommen hatte, vollbrachten erzählte.
KRITIAS: Ich will eine alte Sage berichten, die ich aus dem Munde eines eben nicht jungen Mannes vernahm; denn Kritias war damals, wie er sagte,
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fast an die Neunzig heran, und ich stand etwa im zehnten Jahre; es war aber gerade der Einzeichnungstag des Täuschungsfestes. Die für uns Knaben herkömmliche Festfeier fand auch diesmal statt; unsere Väter setzten uns nämlich Preise beim Vortragen von Gesängen aus. Da wurden nun viele Gedichte vieler Dichter hergesagt, und als etwas zu jener Zeit Neues sangen viele von uns Knaben auch die Gedichte Solons ab. Da sagte denn einer der Gemeindenachbarn, ob nun damals das seine Ansicht war oder ob er dem Kritias etwas Angenehmes sagen wollte:
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Seinem Bedünken nach sei Solon nicht bloss im Übrigen der grösste Weise, sondern auch unter allen Dichtern der gross-sinnigste gewesen. Den alten Mann, recht gut erinnere ich mich dessen, freute das höchlich, und lächelnd erwiderte er: Wenn er nur, Freund Amynandros, das Dichten nicht als Nebensache, sondern wie andere mit vollem Ernst betrieben und die Erzählung, die er aus Ägypten mit- brachte, ausgeführt hätte, nicht aber durch Aufstände und anderes Ungehörige, was er bei seiner Rückkehr hier vorfand, das liegenzulassen genötigt worden wäre, …dann hätte, wohl meiner Meinung nach, weder Hesiodos, noch Homeros, noch sonst ein Dichter einen höheren Dichterruhm erlangt als er.
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Was war denn das für eine Sage, Kritias, fragte er, Gewiss die grösste und mit dem vollsten Rechte wohl vor allem gepriesenste Heldentat betreffend, die zwar unsere Stadt vollbrachte, von der jedoch die Kunde, wegen der Länge der Zeit und des Untergangs derer, die sie vollführten, nicht bis zu uns gelangte. Erzähle, bat ihn der andere, von Anbeginn an, was und wie und von wem hatte das als eine wahre Begebenheit Solon vernommen, was er erzählte.
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Es ist in Ägypten, entgegnete er, im Delta, an dessen Spitze der Nil sich spaltet, ein Gau, geheissen der Saïtische, dessen grösste Stadt Saïs ist, aus welcher auch der König Amasis stammte. Diese Stadt hat eine Schutzgöttin, in ägyptischer Sprache Neith, in hellenischer, wie jene sagen, Athene geheissen. Die Bewohner aber sagen, sie seien grosse Athenerfreunde und mit den hiesigen Bürgern gewissermassen verwandt. Dorthin, erzählte Solon, sei er gereist, habe da eine sehr ehrenvolle Aufnahme gefunden und, als er die der Sache am meisten kundigen Priester über die alten Zeiten befragt, erkannt, dass so ziemlich weder
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er noch sonst einer der Hellenen von dergleichen Dingen das geringste wisse. Einmal habe er aber, um sie zu Erzählungen von den alten Zeiten zu veranlassen, von den ältesten Geschichten des hiesigen Landes zu berichten begonnen, vom Phoroneus, den man den Ersten nennt, und von der Niobe, ferner nach der Wasserflut die Sage von Deukalion und Pyrrha, wie sie glücklich durchkamen.
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Er habe ihre Nachkommenschaft aufgezählt und, indem er bei dem Erzählten verstrichenen Jahre gedachte, die Zeitangaben festzustellen versucht. Da habe ein hoch bejahrter Priester gesagt: ach Solon, Solon! Ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder, zum Greise aber bringt es kein Hellene. - Wieso, wie meinst du das, habe er, als er das hörte, gefragt. - Jung in den Seelen, habe jener erwidert, seid ihr alle: denn ihr hegt in ihnen keine alte, auf altertümlich Erzählungen gegründete Meinung noch ein durch die Zeit ergrautes Wissen. Davon liegt aber darin der Grund:
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Viele und mannigfache Vernichtungen der Menschen haben stattge-funden und werden stattfinden, die bedeutendsten durch Feuer und Wasser, andere, geringere, durch tausend andere Zufälle. Das wenigstens, was auch bei euch erzählt wird, dass einst Phaethon, der Sohn des Helios, der seines Vaters Wagen bestieg, die Oberfläche der Erde, weil er die Bahn des Vaters einzuhalten unvermögend war, durch Feuer zerstörte, selbst aber, vom Blitze getroffen, seinen Tod fand, das wird wie ein Märchen berichtet; das Wahre daran beruht aber auf der Ab- weichung der am Himmel um die Erde kreisenden Sterne und der nach
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langen Zeiträumen stattfindenden Vernichtung des auf der Erde Befind-lichen durch mächtiges Feuer. Dann pflegen demnach diejenigen, welche Berge und hoch und trocken gelegene Gegenden bewohnen, eher als die an Flüssen und dem Meere Wohnenden unterzugehen, uns aber rettet der auch sonst uns Heil bringende Nil durch sein Übertreten aus solcher Not. Wenn dagegen die Götter die Erde, um sie zu läutern, mit Wasser überschwemmen, dann kommen die Rinder- und Schafhirten auf den Bergen davon, die bei euch in den Städten Wohnenden dagegen werden
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von den Strömen in das Meer fortgerissen. Hierzulande aber ergiesst sich weder dann noch bei andern Gelegenheiten Wasser von oben her über die Fluren, sondern alles pflegt von Natur von unten herauf sich zu erheben. Daher und aus diesen Gründen habe sich, sagt man, das hier Aufbewahrte als das älteste erhalten. Das Wahre aber ist, allerorten, wo es nicht eine übermässige Kälte oder Hitze verbietet, lebt eine bald grössere,
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bald kleinere Zahl von Menschen; was sich aber, sei es bei euch oder hier oder in andern Gegenden, von denen uns Kunde ward, Schönes und Grosses oder in einer andern Beziehung Merk-würdiges begab, das alles ist von alten Zeiten her hier in den Tempeln aufgezeichnet und aufbewahrt. Bei euch und andern Völkern dagegen war man jedes Mal eben erst mit der Schrift und allem andern, dessen die Staaten bedürfen, versehen, und dann brach, nach Ablauf der gewöhnlichen Frist, wie eine
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Krankheit eine Flut vom Himmel über sie herein und liess von euch nur die der Schrift Unkundigen und Ungebildeten zurück, so dass ihr vom Anbeginn wiederum gewissermassen zum Jugendalter zurückkehrt, ohne von dem etwas zu wissen, was sich hier wie bei euch zu alten Zelten sich begab. Was du daher eben von den alten Geschlechtern unter euch erzähltest, 0 Solon, unterscheidet sich nur wenig von Kindergeschichten, da ihr zuerst nur einer Überschwemmung, deren vorher doch viele stattfanden, euch erinnert. So wisst ihr ferner auch nicht, dass das unter
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Menschen schönste und Trefflichste Geschlecht in euerm Lande ent-spross, dem du entstammst und euer gesamter jetzt bestehender Staat, indem einst ein winziger Same davon übrigblieb. Das blieb vielmehr euch verborgen, weil die am Leben Erhaltenen viele Menschengeschlechter hindurch der Sprache der Schrift ermangelten. Denn einst, 0 Solon, vor der grössten Verheerung durch Überschwemmung, war der Staat, der jetzt der athenische heisst, der tapferste im Kriege und vor allem durch eine gute gesetzliche Verfassung ausgezeichnet; er soll unter allen unter der Sonne, von denen die Kunde zu uns gelangte, die schönsten Taten vollbracht,
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die schönsten Staatseinrichtungen getroffen haben. Mit Verwunderung habe Solon, erzählte er selbst, das vernommen und inständigst die Priester gebeten, ihm der Reihe nach genau alles seine Mitbürger aus alter Zeit Betreffende zu berichten. Diesen Bericht, habe der Priester gesagt, will ich dir nicht missgönnen, Solon, sondern um seiner selbst und deiner Vaterstadt willen dir ihn mitteilen,
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vorzüglich aber der Göttin zuliebe, welcher euer Land und dieses hier zum Lose fiel und die beide gedeihen liess und heranbildete, dass eure um 1.000 Jahre (Lunare) früher, indem sie den Samen eures Volkes vom Hephaistos und der Erde überkam, das hiesige später. Die Zahl der Jahre aber seit der hier bestehenden Einrichtung unseres Staates ist in der geweihten Schrift auf 8.000 Jahre (Lunare). Von deinen vor 9.000 Jahren (Lunare) lebenden Mitbürgern nun will ich dir ganz kurz die Gesetze und die schönste Heldentat, die von ihnen vollbracht ward, berichten.
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Das Genauere über alles aber, wollen wir später der Reihe nach erörtern, indem wir die Schriften selber zur Hand nehmen. Auf ihre Gesetze mache einen Schluss von den hier geltenden; denn viele den damals bei euch bestehenden ähnliche wirst du jetzt hier vorfinden, zuerst den von den übrigen getrennten Stand der Priester, dann den der Werkmeister, deren jeder, von dem andern getrennt, sein eigenes Geschäft betreibt, sowie den der Hirten und Jäger und Landwirte.
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Auch den Stand der Krieger, dem vom Gesetze der Auftrag ward, um weiter nichts als um den Krieg sich zu kümmern, siehst du doch wohl hier von jedem anderen geschieden. Ferner ist auch die Art der Rüstung mit Schild und Speer dieselbe, deren wir unter den Bewohnern Asiens zuerst uns bedienten, indem die Göttin sie uns, wie euch in dortiger Gegend
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zuerst, - lehrte. Was aber die Verstandesbildung anbetrifft, siehst du wohl, welche Sorgfalt die hiesige Gesetzgebung sogleich von Anbeginn an ihr widmete in Bezug sowohl auf die Weltordnung, indem sie alles samt, bis auf die Seher- und Heilkunst zur Gesundheit, aus diesen göttlichen Dingen für die menschlichen Angelegenheiten herleitete und auch in den Besitz aller andern damit verbundenen Kenntnisse sich setzte. Insofern also die Göttin euch zuerst diese gesamte Anordnung und Ausbildung verlieh, wies sie euch auch euern Wohnsitz an und wählte die Stätte, der ihr entsprossen seid, dazu aus, weil sie im günstigen Wechsel der Jahreszeiten erkannte, dass sie die verständigsten Bewohner erzeugen werde. Als dem Kriege und der Weisheit hold, wählte die Göttin diejenige Stätte aus, die bestimmt war, die ihr zunächst kommenden Menschen zu
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erzeugen, und gründete da zuerst einen Staat. In diesem lebtet ihr also unter solchen Gesetzen und einer noch vollkommeneren Verfassung, in jeder Tugend vor allen Menschen ausgezeichnet, wie es sich von euch, als Abkömmlingen und Zöglingen der Götter, erwarten liess. Demnach erregen viele und grosse von euch hier aufgezeichnete Heldentaten eurer Vaterstadt Bewunderung, vor allem aber zeichnet sich eine durch ihre
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Bedeutsamkeit und den dabei bewiesenen Heldenmut aus; denn das Aufgezeichnete berichtet, eine wie grosse Heeresmacht dereinst euer Staat (Athen) überwältigte, welche von dem Atlantischen Meere her übermütig gegen ganz Europa und (Klein-) Asien heranzog. Damals war nämlich dieses Meer schiffbar; denn vor dem Eingange, der, wie ihr sagt, die Säulen des Herakles hiess, befand sich eine Insel, grösser als Asien und Libyen zusammengenommen, von welcher den damals Reisenden der Zugang zu den übrigen Inseln, von diesen aber zu
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dem ganzen gegenüber liegenden, an jene wahren Meere gelegenen Festland offen stand. Denn das innerhalb jenes Einganges, von dem wir sprechen, Befindliche erscheint als Hafen mit einer engen Einfahrt; jenes aber wäre wohl wirklich ein Meer, das es umgebende Land aber mit dem vollsten Recht ein Festland zu nennen. Auf dieser Insel Atlantis vereinte sich auch eine grosse, wundervolle Macht von Königen, welcher die ganze Insel gehorchte
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sowie viele andere Inseln und Teile des Festlandes; ausserdem herrschten sie auch innerhalb, hier in Libyen bis Ägypten, in Europa aber bis Tyrrhenien. Diese in eins verbundene Gesamtmacht unternahm es nun einmal, euer und unser Land und das gesamte dieseits des Einganges gelegene durch einen Heereszug zu unterjochen.
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Da nun, 0 Solon, wurde das Kriegsheer eurer Vaterstadt (Athen) durch Tapferkeit und Mannhaftigkeit vor allen Menschen offenbar. Denn indem sie durch Mut und die im Kriege anwendbaren Kunstgriffe alle übertraf, geriet sie, teils an der Spitze der Hellenen, teils, nach dem Abfalle der übrigen, notgedrungen auf sich allein angewiesen, in die äussersten Gefahren, siegte aber und errichtete Siegeszeichen über die Heranziehenden, hinderte sie, die noch nicht Unterjochten zu unterjochen, uns
übrigen insgesamt aber, die wir innerhalb der Heraklessäulen wohnen, gewährte sie grosszügig die Befreiung.
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Indem aber in späterer Zeit gewaltige Erdbeben und Überschwemmun-gen eintraten, versank, indem nur ein schlimmer Tag und eine schlim-me Nacht hereinbrach, eure Heeresmacht insgesamt und mit einem Male unter die Erde, und in gleicher Weise wurde auch die Insel Atlantis durch versinken in das Meer den Augen entzogen. Dadurch ist auch das dortige Meer unbefahrbar und undurchforschbar geworden, weil der in geringer Tiefe befindliche Schlamm, den die untergehende Insel zurück liess, hinderlich wurde...
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K R I T I A S
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HERMOKRATES: Deine Aufforderung da, Sokrates, gilt gewiss eben so gut wie diesem. Doch zaghafte Streiter, Kritias, richteten noch nie ein Siegeszeichen auf; deshalb ziemt es sich, mannhaft zum Vortrag den Kampfplatz zu betreten und, unter Anrufung des Apollon und der Musen, unsere Mitbürger aus alter Zeit als wackere Männer darzustellen und zu erheben.
KRITIAS: Noch bist du, lieber Hermokrates, getrosten Mutes, da du, in der Nachhut aufgestellt, noch einen Vordermann hast; doch eigene Erfahrung wird dich bald von der Lage belehren, in der ich mich befinde; dennoch muss ich deiner Zusprache und deinem ermutigenden Zurufe Gehör
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geben und neben den von dir genannten Göttern auch die übrigen anrufen, vor allen zumeist aber die Mnemosyne; denn in dieser Göttin Hand liegt wohl das Wichtigste unserer Rede : Rufen wir uns aber treu in das Gedächtnis zurück und teilen es mit, was einst von dem Priester verkündet, vom Solon hierher gebracht wurde, dann zweifle ich kaum, dass es dieser Sitzreihe bedünken wird, wir haben so ziemlich unserer Aufgabe genügt. Das soll also nun alsbald, ohne weiteren Aufschub geschehen.
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Vor allem zuerst wollen wir uns erinnern, dass zusammengenommen 9000 Jahre (= Lunare) verstrichen sind, seitdem, wie erzählt wurde, der Krieg zwischen den ausserhalb der Säulen des Herakles und allen innerhalb derselben Wohnenden stattfand, von dem wir jetzt vollständig zu berichten haben. Über die einen soll unser Staat geherrscht und den ganzen Krieg durchgefochten haben, über die andern aber die Könige der Insel Atlantis, von der wir behaupten, dass sie einst grösser als Asien und Libyen war,
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jetzt aber, nachdem sie durch Erdbeben unterging, die von hier aus die Anker nach dem jenseitigen Meere Lichtenden durch eine undurchdringliche, schlammige Untiefe fernerhin diese Fahrt zu unternehmen hindere. Von den vielen Barbarenvölkern sowie von den hellenischen Völker-stämmen, welche es damals gab, wird der Lauf unserer Erzählung, indem sie die einzelnen Ereignisse entwickelt, das jeweils in den Weg Kommende berichten. Doch zuerst müssen wir notwendig die Heeresmacht und die Verfassungen sowohl der damaligen Athener als auch der Feinde, gegen die sie den Krieg führten, darlegen. Es gebührt sich aber, unter diesen von den Einheimischen mit Vorzug anzuheben.
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Die Götter verteilten nämlich einst unter sich die ganze Erde nach Örtlichkeiten, und zwar durch das Los, nicht in Hader. Denn unvernünftig wäre es wohl zu sagen, die Götter wüssten nicht das jedem von ihnen Zukommende, noch, es suchten, wenn sie es wüssten, die einen das andern mehr Zukommende in Hader sich selbst zuzueignen. Sie bevölkerten vielmehr, nachdem ihnen durch rechtliche Verlosung der ihnen werte Anteil zugefallen war, die Landstriche und ernährten, nach-dem sie das getan, uns als ihre Zucht und ihr Eigentum, wie die Hirten
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ihre Herden, nur dass sie nicht die Körper durch Körperkraft bändigten, wie die Hirten ihr Vieh durch Schläge antreiben, sondern auf welche Weise ein Geschöpf am lenksamsten ist, indem sie nämlich vom Hinterschiff aus die Richtung bestimmten und durch Überredung wie durch ein Steuerruder nach ihrem Sinn auf die Seele einwirkten, so führten und leiteten sie das gesamte Geschlecht der Menschen. Indem nun dem einen der Götter dieses, dem andern ein anderes Land durch das Los anheimfiel, ordneten sie es; dem Hephaistos und der Athene aber, deren Wesen ein gemeinsames war, da es teils als vom selben Vater stammend verschwistert blieb, teils sie die Liebe zur Weisheit und zur Kunst teilten,
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wurde deshalb dieses Land, als von Natur für Weisheit und Tapferkeit gedeihlich und dazu geeignet, als gemeinschaftliches Los zugeteilt, welches sie mit wackeren, ureingeborenen Männern bevölkerten, deren Sinn sie auf die Anordnung ihres Staates hinlenkten. Von diesen haben die Namen sich erhalten, ihre Taten aber gerieten, durch den Untergang derjenigen, welchen sie überliefert wurden, und die Länge der Zeit in Vergessenheit. Denn die jedes Mal am Leben bleibende Klasse von Bewohnern war, wie auch früher erzählt wurde, eine auf Bergen hausende, der Buchstabenschrift unkundige, welche höchstens die Namen der im Lande Herrschenden und daneben nur weniges von ihren Taten gehört hatte.
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Diese begnügten sich daher, jene Namen ihren Nachkommen beizu-legen. Da sie aber, bis auf einige dunkle Gerüchte, die Heldentaten und Gesetze der früher Lebenden nicht kannten und selbst mit ihren Kindern, viele Menschenalter hindurch, an dem Notdürftigen Mangel litten, so richteten sie auf das ihnen Mangelnde ihren Sinn und machten dies auch Kri. 110 a
zum Gegenstande ihrer Reden, ohne um das, was vor ihnen und in alter Zeit zum einmal sich begab, sich zu kümmern. Denn die Sagenkunde und die zugleich mit der Musse ein, sobald sie erkennen, dass bei manchen für die Lebensbedürfnisse bereits gesorgt sei, früher aber nicht. So geschah Es, dass sich die Namen, nicht aber die Taten der alten Bewohner des Landes er hielten. Für das, was ich hier sage, führe ich aber als Beweis an, dass Solon berichtete, jene Priester haben die Namen eines Kekrops, Erechtheus, Erichthonios, Erysichthon und die
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meisten andren was da an Namen vor Theseus erwähnt wird, häufig, indem sie den damals geführten Krieg erzählten, erwähnt, sowie desgleichen die der Frauen. Insbesondere sei auch die Gestaltung und das Standbild der Göttin, das dieselbe, weil damals Männer und Frauen alle auf den Krieg bezüglichen Beschäftigungen gemeinsam betrieben, dieser Einrichtung zufolge von den damals Lebenden in solcher Rüstung als Weihgeschenk aufgestellt wurde, ein Beleg, dass von allen Geschöpfen, bei denen das männliche
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und weibliche Geschlecht in Gemeinschaft lebt, jedes der beiden von Natur befähigt sei, das, wozu jede Gattung bestimmt ist, gemeinsam zu üben. - Es bewohnten aber damals dieses Land teils die anderen mit Gewerben und Ackerbau beschäftigten Klassen der Bürger, die streitbare aber, anfangs von gottähnlichen Männern von den übrigen geschieden, wohnte getrennt, der es an nichts zum Unterhalt und zur Bildung Erforder-
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lichem fehlte, von der aber keiner etwas als Eigentum besass, indem sie alles als ein ihnen allen Gemeinsames ansahen und, ausreichenden Unterhalt ausgenommen, von ihren übrigen Mitbürgern nichts verlangten, sondern alle Beschäftigungen trieben, welche gestern den der Annahme nach das Geschäft der Wächter Versehenden zugeteilt wurden. Insbesondere wurde auch von unserem Lande Glaubwürdiges und der Wahrheit Ent-sprechendes erzählt.
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Zuerst, dass dessen Grenzen zu damaliger Zeit bis an den Isthmos sich erstreckten und nach dem andern Festlande hin bis zu den Höhen des Farnes und Kithairon. Diese Grenzhöhen aber senkten sich, indem Oropia ihnen zur Rechten lag und sie zur Linken vom Meer her den Asopos abschnitten. An Trefflichkeit habe aber unser Land jedes andere über-troffen und sei deshalb damals auch imstande gewesen, ein grosses Heer von den Geschäften des Ackerbaues Befreiter zu unterhalten. Ein grosser Beweis seiner Fruchtbarkeit, aber ist: Das jetzt von ihm zurück gebliebene Stück macht noch jedem andern Lande dadurch dass es alle Früchte reichlich trägt, und durch die Weide, die es allen Herden bietet, den Vorzug
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streitig; damals aber trug es, abgesehen von der Güte, das alles auch in grosser Fülle. Inwiefern verdient dieses nun Glauben, und in welcher Hinsicht darf ein solcher Landstrich mit Recht ein Überbleibsel des damaligen Bodens heissen. Das gesamte Land liegt, indem es vom übrigen Festlande aus weithin in das Meer sich erstreckt, wie ein Vorgebirge da, und das ganze es umschliessende Meer ist an seinen Küsten sehr tief.
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Da nun in den 9.000 Jahren (Lunare), denn so lange Zeit ist von damals bis jetzt verstrichen, viele und mächtige Überschwemmungen stattfanden, so dämmte sich die in so langer Zeit und bei solchen Naturereignissen von den Höhen herabgeschwemmte Erde nicht, wie anderwärts, hoch auf, sondern verschwand, immer ringsherum fortgeschwemmt, in die Tiefe. Es sind nun aber, wie bei kleinen Inseln gleichsam, mit dem damaligen Zustande verglichen, die Knochen des erkrankten Körpers noch vorhanden, indem nach dem Herabschwemmen des fetten und lockeren Bodens nur der hagere Leib des Landes zurückblieb.
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In dem damaligen noch unversehrten Lande aber erschienen die Berge wie Erdhügel, die Talgründe des jetzt sogenannten Phelleus waren mit fetter Erde bedeckt, und die Berge bekränzten dichte Waldungen, von denen noch jetzt augenfällige Spuren sich zeigen. Denn jetzt bieten einige der Berge nur den Bienen Nahrung; vor nicht gar langer Zeit aber standen noch die Bedachungen von zum Sparrwerk tauglichen, dort für die grössten Bauten gefällten Bäumen unversehrt. Auch trug der Boden
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viele andere, hohe Fruchtbäume und bot den Herden höchst ergiebige Weide; vorzüglich aber gab ihm das im Laufe des Jahres vom Zeus entsandte Wasser Gedeihen, welches ihm nicht, indem es wie jetzt bei dem kahlen Boden in das Meer sich ergoss, verlorenging; sondern indem er viel Erde besass, in sie es aufnahm und es in einer schützenden Tonschicht verteilte, entliess er das von den Höhen eingesogene Wasser in die Talgründe und gewährte überall reichliche Bewässerung durch Flüsse und Quellen, von welchen auch noch jetzt an den ehemaligen Quellen geweihte Merkzeichen zurückgeblieben sind, dass das wahr sei, was man jetzt davon erzählt.
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So war die natürliche Beschaffenheit des übrigen Landes, verschönert, wie es sich erwarten lässt, von echten Landwirten, die das ausschlies- send betrieben, von dem Schönen nachstrebenden, wohlbegabten Männern, welche sich des trefflichsten Bodens, der reichlichsten Bewässerung und unter ihrem Himmel des angemessensten Wechsels der Jahreszeiten erfreuten. Die Stadt aber war zu damaliger Zeit in folgender Weise auferbaut. Erstens war die Burg nicht so beschaffen wie jetzt.
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Jetzt nämlich hat eine vorzüglich regenreiche Nacht diese durch Abschwemmung der Erde entblösst, indem zugleich Erdbeben und eine gewaltige Überschwemmung, die dritte vor der Deukalionischen Verhee-rung, eintraten. Was aber den Umfang anbetrifft, den sie damals zu der anderen Zeit einnahm, so senkte sie sich nach dem Eridanos und Ilissos zu, umschloss die Pnyx und wurde von dem der Pnyx gegen-überliegenden Lykabetos begrenzt; ihr Boden aber war durchgängig krumig und bildete, mit wenigen Ausnahmen, eine Hochebene.
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Ihre äusseren Abhänge waren von Handwerkern bewohnt und von den Landwirten, welche in ihrer Nähe ihr Land bestellten. Auf den oberen Teilen hatte bloss der Stand der Krieger für sich allein, um den Tempel der Athene und des Hephaistos herum, seine Wohnungen, die sie, wie den Garten eines und desselben Hauses, noch mit einer Ringmauer umgeben hatten. Denn die Nordseite bewohnten sie, wo sie gemeinsame Gebäude
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und Speisesäle für den Winter und alles dem gemeinschaftlichen Staatsleben an Wohnungen für sich und die Priester Zukommende aufgeführt hatten, doch ohne Anwendung von Gold und Silber, dessen sie durchaus in keinem Falle sich bedienten, sondern, die Mittelstrasse zwischen stolzem Prunk und kleinlicher Dürftigkeit haltend, erbauten sie schmucke Wohnhäuser, die sie, indem sie selbst und ihre Nachkommen und die Nachkommen dieser in ihnen dem Greisenalter entgegenreiften, stets in demselben Zustande ihnen Gleichgesinnten hinterliessen. Auch der Südseite bedienten sie sich, indem sie jedoch, als während des Som-
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mers, Gärten, Übungshäuser und gemeinsame Speisesäle aufgaben, zu den selben Zwecken. An der Stelle, wo jetzt die Burg steht, befand sich eine Quelle, von der, als sie durch Erdbeben versiegte, ringsherum die jetzigen Bächlein geblieben sind; für die gesamten damaligen Bewohner aber strömte sie, bei einem für den Winter und Sommer, angemessenen Wärmegrade, in reichem Masse. So eingerichtet, wohnten sie als Wächter der eigenen Mitbürger, als Anführer der übrigen Hellenen mit deren Willen, und sie gaben darauf acht, dass die Zahl ihrer Männer und Frauen möglichst immer dieselbe bliebe, nämlich die noch zum Kriege fähig war und die schon; sie belief sich ungefähr auf 20.000.
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Da sie selbst so wacker waren und in solcher, so ziemlich sich gleichbleibenden Weise gerecht ihr eigenes Vaterland und Hellas ver-walteten, erwarben sie sich durch körperliche Schönheit und die all-seitigen Vorzüge ihres Geistes durch ganz Europa und Asien einen Ruf und waren unter allen damals Lebenden die gepriesensten. Wie dagegen der Zustand der zum Kampfe gegen sie auftretenden beschaffen war und wie er von Anbeginn an sich gestaltete, das wollen wir euch jetzt, verlor sich uns nicht das, was wir als Knaben hörten, in Vergessenheit, als ein den Freunden zuständiges Gemeingut mitteilen.
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Doch eine Kleinigkeit müssen wir noch unserer Erzählung voraus-schicken, damit es euch nicht etwa wundernehme, wenn Barbaren hellenische Namen führen; sollt ihr doch den Grund davon vernehmen. Da nämlich Solon die Absicht hatte, diese Erzählungen bei seinen Dichtungen zu benutzen, forschte er genau der Bedeutung der Eigennamen nach und fand, dass jene Ägypter, welche zuerst sie aufzeichneten, dieselben in ihre Sprache übertragen hatten; da nahm er selbst den Sinn jedes Eigennamens wieder vor und schrieb sie, indem er
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sie auf unsere Sprache zurückführte, nieder. Diese Aufzeichnungen aber befanden sich in den Händen meines Grossvaters und befinden sich noch in den meinigen und wurden schon in meinem Knabenalter von mir durchforscht. Demnach nehme es euch nicht wunder, wenn ihr auch dort Eigennamen wie hierzulande hört, wisst ihr nun doch nun den Grund davon. Folgendes war der Eingang zu einer langen Erzählung. Wie im Vorigen von der von den Göttern angestellten Verlosung erzählt wurde, dass sie unter sich die ganze Erde in bald grössere, bald kleinere Lose verteilten und sich Tempel erbauen und Opfer darbringen liessen.
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So bevölkerte auch Poseidon, dem jene INSEL ATLANTIS zum Lose fiel, dieselbe mit seinen eigenen Nachkommen, die er mit einem sterblichen Weibe an einer folgendergestalt beschaffenen Stelle der Insel erzeugte. An der Seeküste, gegen die Mitte der ganzen Insel, lag eine Ebene, die schöner und fruchtbarer als irgendeine gewesen sein soll. In der Nähe dieser Ebene aber, wiederum nach der Mitte zu, befand sich, vom Meer in einer Entfernung von etwa 50 Stadien, ein allerwärts niedriger Berg;
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auf diesem wohnte ein Mann, namens Euenor, aus der Zahl der anfänglich der Erde Entwachsenen, welcher die Leukippe zur Frau hatte. Beide erzeugten eine einzige Tochter, Kleito. Als das Mädchen bereits die Jahre der Mannbarkeit erreicht hatte, starben ihr die Mutter und auch der Vater; Poseidon aber, von Liebe zu ihr ergriffen, verband sich mit ihr und machte den Hügel, den sie bewohnte, zu einem wohl befestigten, indem er ihn ringsum durch grössere und kleinere Gürtel abwechselnd von Wasser und Erde abgrenzte, nämlich zwei von Erde und drei von Wasser, die er mitten
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aus der Insel gleichsam heraus drechselte, überall hin gleich weit vonein-ander entfernt, so dass der Hügel für Menschen unzugänglich war, da es damals noch ebenso wenig Schiffe wie Schifffahrt gab. Er selbst verlieh, als ein Gott, ohne Schwierigkeit der in der Mitte liegenden Insel fröhliches Gedeihen, indem er zwei Flüsse aus der Erde heraufführte, deren einer seiner Quelle warm, der andere kalt entquoll, und der Erde Nahrungsmittel aller Art zur Genüge Entspriessen liess. Ferner zeugte er fünf männliche Zwillingspaare, liess sie auferziehen und verlieh, indem er die ganze INSEL ATLANTIS in zehn Teile teilte, dem zuerst Geborenen des ältesten Paares
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den Wohnsitz seiner Mutter und den diesen rings umgebenden Anteil, als den grössten und vorzüglichsten, und machte ihn zum König der übrigen, die übrigen aber zu Statthaltern; jedem derselben bestimmte er eine Statthalterschaft mit zahlreichen Bewohnern und ein weites Gebiet. Allen gab er Namen, dem Ältesten und Könige, aber denjenigen, nach welchem auch die ganze Insel und das Meer genannt wurde, welches deshalb das Atlantische hiess, weil damals der erste König den Namen Atlas führte.
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Dessen nachgeborenen Zwillingsbruder, dem das äusserste, nach den Säulen des Herakles, dem Landstrich, der jetzt der Gadeirische heisst, gelegene Stück der Insel zugefallen war, nannte er in griechischer Spra- che Eumelos, in der des Landes aber Gadeiros, was dann jenem Gebiet die Benennung geben konnte. Den einen der zweiten Zwillingsgeburt nannte er Ampheres, den zweiten Euaimon; den erst geborenen der dritten Mneseus, den nach diesem geborenen Autochthon; den älteren der
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vierten Elasippos, den jüngeren Mestor; dem Erstling der fünften wurde der Name Azaes, dessen jüngerem Bruder der Name Diaprepes beigelegt. Diese insgesamt nun sowie ihre Nachkommen beherrschten viele Menschenalter hindurch noch viele andere im Atlantischen Meere gelegene Inseln und auch wie schon früher berichtet wurde, ihre Herrschaft über die innerhalb der Säulen des Herakles nach uns zu Wohnenden bis nach Ägypten und Tyrrhenien hin aus.
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Die Nachkommenschaft des Atlas aber wuchs nicht bloss im übrigen an Zahl und Ansehen, sondern behauptete auch die Königswürde viele Menschenalter hindurch, indem der Älteste sie stets auf den Ältesten übertrug, da sie eine solche Fülle des Reichtums erworben hatten, wie weder vorher bei irgendeinem Herrschergeschlecht in den Besitz von Königen gelangt war noch in Zukunft so leicht gelangen dürfte, und da bei ihnen für alles gesorgt war, wofür in Bezug auf Stadt und Land zu sorgen Not tut. Denn vermöge ihrer Herrschaft floss von aussen her ihnen vieles zu, das meiste für den Lebensbedarf aber lieferte ihnen die
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Insel selbst. Zuerst, was da an Starrem und Schmelzbarem durch den Bergbau gewonnen wird, und auch die jetzt nur dem Namen nach bekannte Art, damals dagegen war (es) mehr als ein Name, der an vielen Stellen der Insel aus der Erde gegrabene Bernstein (fälschlich >Bergerz< oder >Messingerz<) welcher unter den damals Lebenden, mit Ausnahme des Goldes, am höchsten geschätzt wurde. Ferner brachte die Insel auch alles in reicher Fülle hervor, was der Wald für die Werke der Bauverständigen liefert, und an Tieren eine ausreichende Menge wilder und zahmer.
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Und so war denn auch das Geschlecht der Hirsche (fälschlich >Elefanten<) hier sehr zahlreich; bot sie doch ebenso den übrigen Tieren insgesamt, was da in Seen, Sümpfen und Flüssen lebt und was auf Bergen und in der Ebene haust, reichliche Nahrung wie auch in gleicher Weise diesen von Natur grössten und gefrässigsten. Was ferner jetzt irgendwo die Erde an Wohlgerüchen erzeugt an Wurzeln, Gräsern, Holzarten und Blumen oder Früchten entquellenden Säften, das erzeugte auch sie und liess es wohl gedeihen, sowie desgleichen die durch Pflege gewonnenen Früchte; die Feldfrüchte,
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die uns zur Nahrung dienen, und das, was wir ausserdem, wir bezeichnen die Gattungen desselben mit dem Namen der Hülsenfrüchte, zu unserem Unterhalt benutzen; was Sträucher und Bäume an Speisen, Getränken und Salben uns bieten, die uns zum Ergötzen und Wohlgeschmack bestimmten, schwer aufzubewahrenden Baumfrüchte und, was wir als Nachtisch dem Übersättigten, eine willkommene Auffrischung des überfüllten Magens, vorsetzen; dieses alles brachte die heilige, damals noch von der Sonne beschienene Insel schön und wunderbar und in unbegrenztem Masse hervor.
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Da ihnen nun ihr Land dieses alles bot, waren sie auf die Aufführung von Tempeln und königlichen Palästen, von Häfen und Schiffswerften sowie anderen Gebäuden im ganzen Lande bedacht und schmückten es in solcher Aufeinanderfolge aus. Zuerst überbrückten sie die um den alten Hauptsitz laufenden Gürtel des Meeres, um nach aussen und nach der Königsburg einen Weg zu schaffen. Diese Königsburg sie aber sogleich vom Anbeginn in diesem Wohnsitze des Gottes und ihrer Ahnen; indem aber der eine von dem andern dieselbe überkam, suchte er durch jedesmalige Weiterausschmückung des Wohlausgeschmückten seinen
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Vorgänger nach Kräften zu übertreffen, bis sie ihre Wohnung zu einem durch Umfang und Schönheit Staunen erregenden Bau erhoben. Denn vom Meer aus führten sie einen 300 Fuss breiten, 100 Fuss tiefen und 50 Stadien langen Durchstich nach dem äussersten Gürtel, durch welchen sie der Einfahrt vom Meere nach ihm wie nach einem Hafen den Weg bahnten, indem sie einen für das Einlaufen der grössten Schiffe ausreichenden Raum eröffneten. Auch durch die Erdgürtel, welche zwischen denen des Meeres hinliefen, führ ten sie, an den Brücken hin,
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Durchstiche, breit genug, um einem Dreiruderer die Durchfahrt von dem einen zu dem anderen zu bestatten, und überdachten dieselben, damit man unter der Überdachung hindurchschiffen könne; denn die Erdgür- telränder erhoben sich hoch genug über das Meer. Des grössten Gürtels, mit welchem das Meer durch den Graben verbun- en war, Breite betrug 3 Stadien (600 m); ebenso breit wie dieser war der folgende Erdgürtel. Von den beiden nächsten hatte der flüssige eine Breite von zwei Stadien (400 m), und der feste war wieder ebenso breit wie der ihm vorausgehen de gehende flüssige.
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Ein Stadion (100 m) breit war endlich der um die in der Mitte liegende Insel selbst herumlaufende. Die Insel aber, auf welcher sich die Königsburg erhob, hatte 5 Stadien (1 km) im Durchmesser. Diese Insel sowie die Erdgürtel und die 100 Fuss (ca. 300 m) breite Brücke umgaben sie von beiden Seiten mit einer steinernen Mauer und errichteten auf den Brücken bei den Durchgängen der See nach jeder Seite Türme und Tore.
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Die Steine dazu aber, teils weisse, teils schwarze, teils auch rote, wurden unter der in der Mitte liegenden Insel und unter der Innen- und Aussenseite der Gürtel gehauen und so Schiffe ausgehöhlt, die vom Felsen selbst überdacht wurden. Zu den Bauten benutzten sie teils Steine derselben Farbe, teils fügten sie zum Ergötzen, um ein von Natur damit verbundenes Wohlgefallen zu erzeugen, ein Mauerwerk aus verschiedenartigen Strukturen zusammen. Den ganzen Umfang der den äussersten Gürtel umgebenden Mauer versahen sie mit einem Überzuge von Kupfer, übergossen den des inneren mit Zinn, den um die Burg selbst aufgeführten aber mit wie Feuer glänzendem Bernstein.
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Der Königssitz innerhalb der Burg war folgendergestalt auferbaut. Inmitten desselben befand sich ein unzugängliches, der Kleito und dem Poseidon geweihtes Heiligtum, mit einer goldenen Mauer umgeben, eben da, wo einst das Geschlecht der zehn Herrscher gezeugt und geboren wurde. Dahin brachten sie jährlich aus den zehn Landschaften jedem derselben
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die Früchte der Jahreszeit als Opfer. Der Tempel des Poseidon selbst war ein Stadion (200 m) lang, 500 Fuss (ca.150 m) breit und von einer entsprechenden Höhe, seine Bauart fremdländisch. Von aussen hatten sie den ganzen Tempel mit Silber überzogen, mit Ausnahme der mit Gold überzogenen Zinnen. Im Innern war die Wölbung von Elfenbein, mit Verzierung von Gold und Silber und Bernstein; alles Übrige, Wände, Säulen und Fussboden, bedeckten sie mit Bernstein.
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Hier stellten sie goldene Standbilder auf; den Gott stehend, als eines mit sechs Flügelrossen bespannten Wagens Lenker, der vermöge seiner Grösse mit dem Haupt die Decke erreichte; um ihn herum auf Delphinen hundert Nereiden, denn so viel, glaubte man damals, gäbe es von ihnen. Auch viele andere, von Männern aus dem Volke geweihte Standbilder befanden sich darinnen; ausserhalb aber umstanden den Tempel die goldenen Bildsäulen aller von den zehn Königen Abstammenden und ihrer Frauen sowie viele andere grosse Weihgeschenke der Könige und ihrer Bürger aus der Stadt selbst und dem ausserdem ihrer Herrschaft unterworfenen Lande.
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Auch der Altar entsprach, seinem Umfange und seiner Ausführung nach, dieser Pracht, und ebenso war der königliche Palast angemessen der Grösse des Reiches und angemessen der Ausschmückung der Tempel. So benutzten sie auch die Quellen, die kalt und warm strömenden, die einen reichen Zufluss an Wasser hatten und wovon jede durch Annehmlichkeit und Güte des Wassers wundersam zum Gebrauch geeignet war, indem sie dieselben mit Gebäuden wundersam am Wasser
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gedeihenden Baumpflanzungen umgaben sowie mit teils unbedeckten, teils für die warmen Bäder im Winter überdeckten Baderäumen, den königlichen abgesondert von denen des Volks sowie denen der Frauen, geschieden von den Schwemmen der Pferde und des anderen Zugviehs, diese alle mit einer der Bestimmung eines jeden angemessenen Einrichtung. Von dem abfliessenden Wasser aber leiteten sie einen Teil nach dem Haine Poseidons, zu Bäumen aller Art, ver möge der Treff-lichkeit des Bodens von überirdischer Schönheit und Höhe; den anderen
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aber, vermittels neben den Brücken hinlaufender Kanäle nach den Gürteln ausserhalb, wo vielen Göttern viele Tempel auferbaut waren, ausserdem viele Gärten und Übungsplätze für Menschen und davon geschieden für Pferde, auf jeder der beiden Inseln; unter anderem war mitten auf der grössten Insel eine Rennbahn abgegrenzt, deren Breite ein Stadion betrug und welche ihrer Länge nach, zum Wettrennen der Pferde bestimmt, die ganze Insel umkreiste.
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Zu beiden Seiten dieser Rennbahn befanden sich für die Masse der Leibwächter bestimmte Wohnungen; die zuverlässigeren aber waren auf dem kleineren, der Königsburg näheren Gürtel als Wachtposten verteilt, und denjenigen, die durch ihre Treue vor allen andern sich auszeich-neten, Wohnungen in der Burg um die der Könige selbst herum angewiesen. Die Schiffswerften waren mit Kriegsschiffen und allem Zubehör eines solchen Schiffes angefüllt, alles aber war vollkommen ausge- rüstet. Solche Einrichtungen waren im Umkreise des Königssitzes getroffen.
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Hatte man aber nach aussen die Häfen, deren drei waren, über-schritten, dann lief vom Meere aus eine Mauer rings herum, welche allerwärts vom grössten Hafen und Gürtel 50 Stadien entfernt war und welche mit dem Eingang zum Durchstich ihren am Meere gelegenen Teil in eins verband. Diesen ganzen Raum nahmen zahlreiche und dicht gereihte Wohnhäuser ein; die Einfahrt und der grösste Hafen aber waren mit allerwärts her kommenden Fahrzeugen und Handelsleuten überfüllt, welche bei solcher Menge am Tag und in der Nacht Geschrei, Lärm und Getümmel aller Art erhoben. So ward also jetzt so ziemlich das erzählt, was einstmals über die Stadt und die Umgebung des ursprünglichen Wohnsitzes berichtet wurde.
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Aber wir müssen auch zu berichten versuchen, wie die Natur und die Art der Einrichtung des übrigen Landes beschaffen war. Erstens also war, der Erzählung nach, die ganze Gegend vom Meere aus sehr hoch und steil, das die Stadt Umschliessendes dagegen durchgängig eine ihrerseits von bis an das Meer herablaufenden Bergen rings umschlossene Fläche und gleichmässige Ebene, durchaus mehr lang als breit, nach der einen Seite 3.000 Stadien lang, vom Meere landeinwärts aber in der Mitte deren 2.000 breit. Dieser Strich der ganzen Insel lief, nordwärts gegen den Nordwind
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geschützt, nach Süden. Von den ihn umgebenden Bergen wurde gerühmt, dass sie an Menge, Grösse und Anmut alle jetzt noch vorhandenen überträfen. Sie umfassten viele reiche Ortschaften der Umwohnenden sowie Flüsse, Seen, Wiesen zu ausreichendem Futter für alles wilde und zahme Vieh, desgleichen Waldungen, die durch ihren Umfang und der Gattungen Verschiedenheit für alle Vorhaben insgesamt und für jedes einzelne vollkommen ausreichend waren.
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Diese Ebene hatte sich nun von Natur aus und durch die Bemühungen einer langen Reihe von Königen in langer Zeit dermassen gestaltet: Sie bildete ein grösstenteils rechtwinkliges und längliches Viereck; was aber daran fehlte, war durch einen ringsherum aufgeworfenen Graben ausgeglichen. Obgleich aber das, was von seiner Tiefe, Länge und Breite erzählt wird, für ein Menschenwerk, mit anderen mühsamen Schöpfungen verglichen, unglaublich klingt, muss dennoch berichtet werden, was wir
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gehört haben. Der Graben war nämlich bis zu einer Tiefe von 100 Fuss aufgegeworfen, seine Breite betrug allerwärts ein Stadion und, da er um die ganze Ebene herumgeführt war, seine Länge 10.000 Stadien. Indem derselbe aber, die Ebene umschliessend, die von den Bergen herabströmenden Flüsse in sich aufnahm und von beiden Seiten der Stadt sich näherte, so ward ihm da der Ausfluss in das Meer eröffnet.
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Von seinem weiter landeinwärts gelegenen Teil wurden wieder gerade, gegen 100 Fuss breite Durchstiche durch die Ebene nach den Meeren zu liegenden Graben geführt, deren einer von dem andern 100 Stadien (20 km) entfernt war. Auf diesem Wege brachten sie zu Schiffe das Bauholz aus den Bergen nach der Stadt und andere Erzeugnisse der Jahreszeiten, indem sie Durchfahrten von einem Durchstich zum anderen in schiefer Richtung sowie nach der Stadt zu eröffneten. Zwei Ernten brachte ihnen jährlich der Boden, den im Winter der Regen des Zeus befruchtete, während man im Sommer den Erzeugnissen desselben von den Durchstichen aus Bewässerung zuführte.
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Was die Streiterzahl betraf, so war angeordnet, dass von den zum Kriege tauglichen Bewohnern der Ebene jeder Bezirk, dessen Flächen um sich auf 10 mal 10 Stadien belief und deren insgesamt 60.000 waren, einen Feldhauptmann stelle; die Anzahl der von den Bergen und anderweitigen Landstrichen her kommenden wurde als unermesslich angegeben, und alle insgesamt waren, ihren Wohnorten und deren Lage nach, diesen Bezirken und Feldhauptleuten zugeteilt.
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(GESTELLUNGSBEFEHL/EINBERUFUNG:) Jeder Feldhauptmann musste nach Vorschrift in das Feld stellen: zu 10.000 Streitwagen den sechsten Teil eines Streitwagens, zwei berittene Streiter, ferner ein Zwiegespann ohne Wagenstuhl, welches einen leichtbeschilderten Streiter und nächst ihm den Lenker der beiden Pferde trug; zwei Schwergerüstete, an Bogenschützen und Schleuderern zwei jeder Gattung, so auch an Leichtgerüsteten, nämlich Steinwerfern und Speerschleuderern, von jeder drei; endlich vier See-soldaten zur Bemannung von 1200 Schiffen.
So war die Kriegsrüstung für den Herrschersitz des Königs angeordnet. Für die neun übrigen anderen anders, was anzugeben zu viel Zeit erheischen würde.
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In Beziehung auf Herrsch- und Strafgewalt waren von Anbeginn an folgende Einrichtungen getroffen. Jeder einzelne der zehn Könige übte in seiner Stadt Gewalt über die Bewohner seines Gebietes und über die meisten Gesetze; er bestrafte und liess hinrichten, wen er wollte. Aber die untereinander geübte Herrschaft und ihren Wechselverkehr bestimmte Poseidons Gebot, wie das Gesetz es ihnen überlieferte und eine Schrift, von den ersten Königen aufgezeichnet auf einer Säule belegt mit Bernstein, welche sich in der Mitte der Insel im Tempel Poseidons befand,
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wo sie sich das eine Mal im fünften, das andere im sechsten Jahre, um der geraden und ungeraden Zahl gleiche Ehre zu erweisen, versam-melten. Bei diesen Zusammenkünften berieten sie sich über gemeinsame Angelegenheiten, untersuchten, ob jemand ein Gesetz zuwiderhandle, und fällten sein Urteil. Waren sie im Begriff, Urteile zu fällen, dann verpflichteten sie sich zuvor gegeneinander in folgender Weise.
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Nachdem die zehn Könige alle Begleitung entlassen hatten, jagten sie den im Weihbezirk Poseidons freigelassenen Stieren mit Knüppeln und Schlingen, ohne eine Eisenwaffe, nach, den Gott anflehend, sie das ihm wohlgefällige Opfer einfangen zu lassen; den eingefangenen Stier aber führten sie zur Säule und opferten ihn über jener Schrift auf dem Knaufe derselben. Auf der Säule aber befand sich ausser den Gesetzen eine Eidesformel, die schwere Verwünschungen über die ihnen den Gehorsam Verweigernden herabrief.
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Wenn sie nun, nachdem sie ihren Vorschriften gemäss das Opfertier geschlachtet, die Weihung aller Glieder des Stiers vornahmen, dann füll-ten sie einen Mischkrug und warfen für jeden ein Klümpchen Blutes hinein, das übrige aber trugen sie, nachdem sie ringsum die Säule reinigten, in das Feuer. Darauf schöpften sie mit goldenen Trinkschalen aus dem Mischkruge, gossen ihr Trankopfer in das Feuer und schworen dabei, ihre Urteile den auf der Säule aufgezeichneten Gesetzen gemäss zu fällen und, wenn
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jemand in etwas dieselben übertreten habe, ihn zu n sowie weder einen den Geboten des Vaters zuwiderlaufenden Befehl zu bestrafen, in Zukunft aber in keinem Punkte das Aufgezeichnete zu übertreten noch einem solchen zu gehorchen. Nachdem jeder von ihnen feierlich dieses Gelübde für sich selbst und seine Nachkommen getan, getrunken und die Schale in dem Tempel des Gottes geweiht hatte, sorgte er für seine Abend-mahlzeit und anderer Bedürfnisse Befriedigung.
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Wurde es nun finster und war das Opferfeuer niedergebrannt, dann legten alle ein sehr schönes dunkelblaues Gewand an, Liessen sich an der Brandstätte des beim Eidschwur dargebrachten Opfers nieder und empfingen während der Nacht, nachdem sie alle Feuer um den Tempel herum ausgelöscht, wenn etwa einer den andern einer Gesetzesüber- tretung beschuldigte, Urteilssprüche und fällten sie. Diese von ihnen gefällten Urteilssprüche verzeichneten sie, sobald der Tag anbrach, auf einer goldenen Tafel und weihten diese mitsamt ihren Gewändern zur Erinnerung. Über die Ehrenrechte der einzelnen Könige gab es manche besonderen Gesetze, das Wichtigste aber war, keiner solle gegen den an-
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dern die Waffen erheben und alle Beistand leisten, wollte etwa jemand unter ihnen versuchen, in irgendeinem Staate dem Königshause den Untergang zu bereiten, gemeinsam aber, wie ihre Vorgänger, sollten sie sich beraten über Krieg oder andere Unternehmungen und dabei dem atlantischen Geschlechte den Vorrang einräumen. Jedoch einen seiner Anverwandten zum Tode zu verurteilen, das sollte, ohne die Zustimmung der Mehrheit der Zehn, in keines Königs Gewalt stehen...
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